Fussball-Landesverband Brandenburg e.V.

Home | News

04.01.2017
Der Vorbildwirkung im Fußball bewusst sein
Interview zum Jahreswechsel mit FLB-Präsident Siegfried Kirschen

Herr Präsident, das Jahr 2017 ist erst wenige Tage alt und die Geschehnisse im Jahr 2016 sind uns noch gut vor Augen. Woran denken Sie, wenn Sie auf die nationalen Ereignisse des vergangenen Jahres zurückblicken?
In sportlicher Hinsicht natürlich an den Olympiasieg der deutschen Frauen-Mannschaft und der Freude, dass auch zwei Potsdamer Spielerinnen dabei waren. Aber auch die Silbermedaille der Männer war ein großartiges Ergebnis. Bei der EM in Frankreich konnten wir zwar nicht den angestrebten Titel holen, dennoch hat die Mannschaft nicht enttäuscht. Sportpolitisch stand das zurückliegende Jahr im Zeichen zweier DFB-Bundestage und der weiteren Aufarbeitung der Vorkommnisse um die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland. Es wäre schön, wenn dieses Kapitel bald und endgültig zu den Akten gelegt werden könnte. Doch dazu bedarf es, dass die Untersuchungen der Staatsanwaltschaften in der Schweiz und in Deutschland abgeschlossen werden und dass vor allem die Protagonisten von damals ihr Schweigen beenden.

Ein Stichwort, welches in diesem Zusammenhang immer häufiger fällt, ist Compliance. Ein Thema, welches auch für den FLB aktuell ist?
Selbstverständlich und ich meine es so, wie es dieses Wort aussagt. Denn unter Compliance verstehe ich tatsächlich Selbstverständlichkeiten in der Führung eines Verbandes wie auch jedes Unternehmens. Ich möchte dies an einigen Beispielen verdeutlichen. Die Auslosung der Spiele im AOK-Landespokal Brandenburg führen wir seit Beginn dieses Spieljahres live im Internet durch und gewährleisten damit eine uneingeschränkte Transparenz gegenüber unseren Mitgliedern und der Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr haben wir neue Finanzrichtlinien in Kraft gesetzt, außerdem wissen wir seit Jahren eine in Vereinsrechtsfragen erfahrene Steuer- und Anwaltskanzlei an unserer Seite. Was unsere hauptamtlichen Mitarbeiter der Geschäftsstelle betrifft, möchte ich ausdrücklich auf die bestehenden Verschwiegenheitsklauseln verweisen. Und was unser Ehrenamt anbelangt, erwähne ich exemplarisch die Compliance-Regeln, die schon jetzt für all jene Mitglieder gelten, die in Gremien des DFB mitarbeiten. Ich halte diese Maßnahmen für alternativlos. Denn ob im Haupt- oder Ehrenamt: Wir müssen uns unserer Vorbildwirkung im Fußball bewusst sein, müssen Werte wie Respekt und Vertrauen, Fairness und Loyalität in unserer täglichen Arbeit mit Leben erfüllen, um als glaubwürdige Partner in der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.

… dies sicher auch im Zusammenhang mit der Sicherstellung der Finanzierung des Verbandes. Die DFL hat beim Abschluss des neuen Grundlagenvertrages mit dem DFB auf die gestiegene Unterstützung des Amateurfußballs hingewiesen. Ein Segen auch für den FLB?
Wir sind auf die Zuschüsse des DFB angewiesen, um alle unsere Aufgaben und Verpflichtungen erfüllen zu können. In unserem Verband haben wir leider die Situation, dass wir keinen Lizenzverein im Spielbetrieb haben und uns deshalb die wesentliche Position, die die Landesverbände bei den Einnahmen haben, fehlt. Umso abhängiger sind wir von den Zuwendungen des DFB und des LSB sowie den Beiträgen unserer Partner und Sponsoren. Und nur durch diese finanzielle Unterstützung und unser eigenes Sparsamkeitsprinzip ist es uns gelungen, die Gebühren und Beiträge für unsere Vereine jahrelang auf einem sehr niedrigen Niveau stabil zu halten.

Stimmt es, dass es heutzutage immer schwerer fällt, genügend Mitarbeiter im Ehrenamt zu finden?
Dies ist leider Realität. Den Ehrenamtlichen, der gewissermaßen sein ganzes Leben lang uneigennützig ohne Vergütung seinem Verein dient, gibt es heute immer seltener. Deshalb müssen wir andere Anreize und Wege finden, um Menschen für eine ehrenamtliche Arbeit in den Vereinen, Fußballkreisen und im Landesverband zu gewinnen. Die Menschen werden nicht nur immer älter, sie bleiben auch viel länger leistungsfähig und trotzdem scheiden viele aus den unterschiedlichsten Gründen schon relativ früh aus dem Beruf aus. Diesen Personen im Sport eine Perspektive aufzuzeigen, indem sie für ihr Hobby eine sinnvolle und außerordentlich wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllen, muss von uns noch zielstrebiger angegangen werden. Andererseits ist für mich das Ausscheiden aus einer Funktion im Ehrenamt auf Grund einer Altersbegrenzung nicht mehr zeitgemäß. Wenn wir die vielen Schiedsrichter, die die 70 schon überschritten haben, nicht hätten, müssten eine ganze Anzahl von Spielen ohne Referee durchgeführt werden. Und eines sollte man nicht vergessen, für viele Menschen ist das Gefühl, gebraucht zu werden, mehr wert als eine finanzielle Vergütung.  Für die jüngeren ehrenamtlichen Funktionäre ist es wichtig, ihnen Qualifizierungsangebote zu unterbreiten, damit sie auch die Chance haben, sich in ihrer ehrenamtlichen Position weiter zu entwickeln.

Das Ehrenamt ist nicht von ungefähr ein wesentliches Thema im neuen Masterplan, der vom DFB-Bundestag im vergangenen Jahr verabschiedet wurde. Wo sehen Sie im Landesverband weitere Schwerpunkte?
Nun, Vieles von dem, was im neuen Masterplan enthalten ist, haben wir bereits in der zurückliegenden Periode umgesetzt. Hier denke ich vor allem an die Beschlüsse zur Flexibilisierung des Spielbetriebs, zur Arbeit mit dem DFBnet oder zur Durchführung von Vereinsdialogen und Vorstandstreffs. Bei vielen Terminen, die ich persönlich bei den Vereinen wahrgenommen habe, wurde immer wieder deutlich, mit wie viel Liebe und Verantwortungsbewusstsein unsere Vereine ihre Aufgaben wahrnehmen, dass sie aber auch unsere Unterstützung und unseren Service anerkennen. Dies betrifft vor allem die schon erwähnten Angebote der Qualifizierung, angefangen von Besuchen des DFB-Mobils über die Kurzschulungen zu den verschiedenen Modulen bis hin zu Lizenz-Lehrgängen auf Kreis- und Verbandsebene. In dieser Hinsicht sind wir dankbar für jeden Referenten, der uns zur Seite stehen möchte, gerade auch in der Realisierung  zweier neuer Pilotprojekte mit den sogenannten Führungsspielern und den Staffelleitern.

Sie sprachen es bereits an: Aktuell verfügt der FLB über keinen Bundesligisten im Verband. Ein Fakt, der auch auf die Ergebnisse der Landesauswahlmannschaften ausstrahlt?
Dieser Zusammenhang ist richtig, weil unsere Talente natürlich das Ziel vor Augen haben, nach der Juniorenzeit mindestens in der 3. Liga spielen zu wollen und deshalb uns schon frühzeitig die besten Spieler verlassen. Andererseits ist diese Tatsache keine Entschuldigung dafür, dass unsere Auswahlmannschaften bei den Turnieren im NOFV und beim DFB gerade im vergangenen Jahr so schlecht wie nie abgeschnitten haben. Ich habe deshalb in den vergangenen Wochen viele Gespräche geführt, die mich zu der Überzeugung geführt haben, dass wir die Strukturen unseres Verbundsystems noch besser nutzen müssen. Deshalb werden wir in diesem Jahr einigen Trainern, die mit ihren Mannschaften sehr gute Ergebnisse erzielen und deshalb auch die meisten Auswahlspieler haben, mehr Verantwortung auch für die Auswahlmannschaften übertragen.

Was für den FC Energie Cottbus eine Enttäuschung und für den SV Babelsberg 03 mittlerweile Normalität darstellt, erscheint für den FSV 63 Luckenwalde und den FSV Union Fürstenwalde fast schon als Sensation: die Regionalliga. Eine Einschätzung, die Sie teilen?
Unbedingt. Denn während in Cottbus nach wie vor unter Profi-Bedingungen gearbeitet wird und auch in Babelsberg professionelle Vereinsstrukturen existieren, ist es umso mehr zu würdigen, dass in Luckenwalde und Fürstenwalde ebenfalls Regionalliga-Fußball gespielt wird. Was in diesen beiden Vereinen und im Verbund mit den Städten geleistet wird, ist sensationell. Ich bin am letzten Wochenende vor Weihnachten bei den Vereinen gewesen und bin optimistisch, dass beide den Klassenerhalt schaffen. Der FSV 63 Luckenwalde hat sehr unglücklich verloren und war keineswegs schlechter als der Gegner aus der Oberlausitz. Die Fürstenwalder haben gegen den BFC ein Riesenspiel gemacht. Ich übertreibe nicht, weil ich viele Regionalliga-Spiele gesehen habe, hätten sie diese Leistung in allen Spielen gebracht, würden sie ganz oben stehen. Für Energie Cottbus und für uns wünsche ich mir, dass die Aufstiegschance noch lange erhalten bleibt, auch wenn man es aus eigener Kraft nicht mehr schaffen kann. Ein Kompliment möchte ich an dieser Stelle den Cottbuser Fans und Sponsoren machen, die auch nach dem Abstieg die Mannschaft toll unterstützen und die es wahrlich verdient hätten, dass der Aufstieg noch gelingt.


Eine wichtige Funktion in der weiteren Entwicklung des Leistungsfußballs kommt sicher dem neuen Cheftrainer des Verbandes zu. Welches Anforderungsprofil verbinden sie mit ihm?
Wir haben die Position des Cheftrainers zum Ende des vergangenen Jahres ausgeschrieben und das Stellenprofil eindeutig definiert. Neben den fachlichen Anforderungen, der erforderlichen Lizenz und entsprechenden Erfahrungen im Leistungssport wünsche ich mir vor allem Bewerber mit hohen Führungsqualitäten. Denn in dieser Funktion gilt es in besonderem Maße, zielorientiert zu arbeiten, gleichzeitig aber unterschiedliche Charaktere im gemeinsamen Interesse aller zusammenzuführen. Ich bin gespannt auf die Bewerbungen und sicher, dass wir im Präsidium eine Entscheidung treffen werden, die die weitere Entwicklung fördern wird.

… eine Entwicklung ähnlich jener beim 1. FFC Turbine Potsdam 71…?
Es würde mich freuen, wenn es so wäre, auch wenn es im männlichen Fußball vielleicht etwas komplizierter ist. Und natürlich erfüllt es mich mit großer Freude zu sehen, wie sich die Frauen des 1. FFC Turbine Potsdam 71 in der laufenden Saison in der Bundesliga schlagen. Mit dem neuen Trainer Matthias Rudolph haben sie andere Impulse erhalten, die taktische Ausrichtung und der Teamgeist innerhalb der Mannschaft stimmen. Ich wünsche mir, dass dieser Trend anhält und bei fünf Punkten Vorsprung auf den aktuellen Zweiten darf man ja nicht nur von der Deutschen Meisterschaft träumen, sondern muss sie ansteuern. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass das gelingt. Und dann ist das auch für den tollen Nachwuchs in Potsdam wieder die beste Perspektive, die der Frauenfußball in Deutschland bieten kann.

Kommen wir vom Spitzenfußball zur Basis. Sind Sie zufrieden mit dem Verlauf der Spiele im Landesverband?
Ja, das kann ich. Seitdem wir die neuen Kreisstrukturen haben, hat sich der Spielbetrieb stabilisiert und mein Eindruck ist, dass unsere Spieler und Zuschauer vor allem die Spielklassen in den neuen Fußballkreisen mit großem Interesse annehmen. Die Zuschauerzahlen beweisen das. Sehr zufrieden bin ich auch mit dem Verlauf des AOK-Landespokals Brandenburg, der nicht zuletzt durch den neuen Verteilerschlüssel der für die erste DFB-Hauptrunde zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel noch attraktiver geworden ist. Eine weitere Aufwertung dürfen wir auch in diesem Jahr von unserem Endspiel erwarten, welches wiederum im Rahmen des bundesweiten Finaltags der Amateure ausgetragen und in einer Live-Konferenz in der ARD übertragen wird. Nicht zufrieden bin ich, dass es in der 1. Halbserie 2016/17 bei 42 Spielen Vorkommnisse mit Spielern, Betreuern oder Besuchern zu verzeichnen gab. Wenn dies auch bei der Summe von insgesamt knapp 19.000 Spielen wenig erscheint, so ist doch jeder einzelne Vorfall einer zu viel. Wir müssen deshalb wachsam bleiben, gemeinsam mit den Vereinen und der Polizei alles tun, um zu gewährleisten, dass geplante Störungen schon im Vorfeld erkannt werden und Einfluss genommen werden kann. Denn nur wenn wir einen sauberen Fußball anbieten, sind wir attraktiv für Zuschauer, Partner und Sponsoren. Auf der anderen Seite erhoffe ich mir noch mehr gegenseitigen Respekt bei Spielern und Offiziellen. Bei allen verständlichen Emotionen gilt es, sich persönlich im Griff zu haben, um die immer wieder zu Recht geforderte Vorbildwirkung nach innen und außen nicht zu gefährden.  


Um dies zu fördern, ist der Landesverband seit Jahren auch zunehmend in verschiedenen gesellschaftlichen Projekten engagiert. Ein Engagement, welches sicher nicht aufhören wird?

Keinesfalls. Mit der Landesregierung, dem LSB, dem DFB und der AOK Nordost haben wir starke Partner an unserer Seite, die uns gerade in Fragen der Integrations- und Inklusionsarbeit sowie der Mediation und Vereinsberatung unterstützen. Im vergangenen Jahr haben wir mit der Verleihung des Integrations- und Vielfaltpreises sowie der Durchführung des AOK-Fußballtags für Vielfalt und Toleranz unter Schirmherrschaft unseres Ministerpräsidenten Dr. Dietmar Woidke eine große öffentliche Aufmerksamkeit erfahren. Ich freue mich auch, dass wir mittlerweile bereits mehr als 70 Vereinen aus unserem Landesverband einen Scheck im Rahmen der Initiative „1:0 für ein Willkommen“ der DFB-Stiftung Egidius Braun überreichen konnten, um sie für ihre aktive Arbeit mit Flüchtlingen zu unterstützen. Dass der DFB dieses Projekt unter dem Titel „2:0 für ein Willkommen“ fortsetzt und ausbaut, zeigt, wie wichtig dieses Engagement unserer Vereine für den Fußball und unsere Gesellschaft insgesamt ist.

(c) Fußball-Landesverband Brandenburg | Kontakt | Impressum | Datenschutzerklärung